Liebes Tagebuch!
Entschuldige bitte, dass ich mich so lange nicht bei Dir gemeldet habe. Mein letzter Eintrag ist nun schon eine Weile her. Doch es gibt einen guten Grund für diese Verzögerung. Nach dem packendsten Bundesligafinale meines noch so jungen Lebens wurde mir von meinem Therapeuten erst einmal eine Live-Kick freie Zeit verordnet. Die Tage vor dem Saisonabschluss konnte ich einfach nicht mehr richtig schlafen, war zu erregt. Unter uns gesagt, wollte ich den Wachzustand auch gar nicht mehr verlassen. Habe mir deshalb sogar ein paar Mal den Wecker gestellt, um nachts alte Doppelpass-Folgen zu schauen, die ich mir in jahrelanger Mühe mit viel Akribie archiviert habe. Udo Lattek ist für mich – natürlich neben Oma Müllär – einfach das Maß aller Dinge im Expertentum des deutschen Fußballs.
Mein Seelenklempner war der Meinung, dass die vielen gefühlsmässigen Höhen und Tiefen (Hoffenheim erst hui dann pfui; Barcelona erst draussen dann CL-Sieger), die bevorstehenden Zäsuren und erodierenden Bundesliga-Grundpfeiler (Bayern kein Meistermonopol mehr; kein Ost-Club mehr im Oberhaus, U. Hoeneß nicht mehr auf der Bayern-Bank), die großen Enttäuschungen und Verwirrungen (Skibbe wird Trainer bei der Eintracht) und schließlich die vielen Abschiede von vertrauten und mir lieb gewordenen Personen (9 Trainerwechsel sind noch möglich; das Star-Sterben, über das ich letztens bereits sinniert habe) zusammengenommen doch zu sehr an meiner fragilen und leicht gespaltenen Persönlichkeit rütteln würden.
So sollte ich also erstmal auf keinen Fall in irgendeiner Weise mit Fußball in Berührung kommen: Kein Internet, keine Tageszeitungen und vor allem kein Nutella mehr zum Frühstück. Das erinnert mich nämlich immer an das Sommermärchen und den Gute-Laune-Klinsi. Meine überschwängliche Begeisterung für den sympathischen Schwaben deutete mein Therapeut stets als eine Flucht aus der Realität. Ach, das war aber auch eine schöne Zeit als der Klinsmann noch bei uns in der Bundesliga war …
Natürlich habe ich das nicht durchgehalten, wie Du, liebes Tagebuch, sicherlich schon vermutest. Deshalb habe ich die Zeichen der Zeit für mich gedeutet und in Analogie zu den vielen Bundesliga-Clubs beschlossen, meinen Therapeuten zu entlassen und mir einen neuen zu suchen. Es blieb mir wirklich keine andere Wahl. Lieber ein Leben im scheinbar unzähmbaren Fußball-Rausch als gar keinen Kick mehr.
Nun kann ich mich guten Gewissens den kompletten Juni auf die vielen spannenden Live-Kicks freuen. Vom 3.6. bis 12.6. findet das U23-Festival in Frankreich statt. Eurosport und Eurosport 2 übertragen die Spiele. Im Anschluss daran kommt dann schon wieder leichtes Bundesligafeeling auf, bei der U21-Europameisterschaft in Schweden (15.6. bis 29.06.2009). Marin, Neuer, Özil und die Boateng-Brüder sind dabei. Die Spiele kann ich prima auf DSF und im ZDF verfolgen, wahrscheinlich auch im Internet, und somit auch von unterwegs oder auf der Arbeit.
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