„Wo sind die Kommentare des Reporters?” – Gastbeitrag zum ersten Besuch in einem Fußballstadion

Unsere Gastautorin Anja Kirig berichtet an dieser Stelle über ihren ersten Besuch in einem Fußballstadion: beim Damen-Länderspiel Deutschland gegen Brasilien, im April dieses Jahres in der Commerzbank-Arena in Frankfurt am Main. Der erste Mal im Stadion kann sehr aufregend sein. Und wer dabei nicht immer nur auf den Ball schaut, kann auch noch richtig was über Fußball dazu lernen.

Meine erstes Mal: Thanks heaven for 7 eleven. Oder: 7 Thesen zur Premiere im Stadion. Von Anja Kirig

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin kein absoluter Fußball-Newbie. Als ambitionierter Teenager war ich im Frankfurter Eintracht-Moloch ein überzeugter 1. FC Köln-Fan, kaufte mir am Kiosk ab und an den Kicker (kam der damals nicht sogar zweimal die Woche raus?) und heulte als Pierre Littbarski seine Töppen an den Nagel hing. Samstags kickte ich mit Freunden auf dem Spielplatz und schaffte es sogar zu einigen Trainingsstunden in diversen Fußballvereinen. Doch das große Ziel verpasst ich: ins Stadion zu gehen. Die Stimmung live zu erleben. 90 Minuten Hochspannung. La Ola-Wellen mitzumachen. Zu gröhlen, fluchen, jubeln und sich vor Hooligans zu fürchten.

Meine zweite Chance bekam ich am 21. April 2009 beim Spiel Deutschland gegen Brasilien in der Commerzbank-Arena.

  1. Karten kauft man nicht wie an einer Kinokasse. Ich schreibe zwei Wochen vor besagtem Spiel einer Freundin eine SMS: „Möchte zum Fußballspiel mitkommen.“ Und bin mir nicht bewusst was das für eine Kettenreaktion auslöst. Ursprünglich sollten über den „Verein“ Karten organisiert werden, die wurden versehentlich nicht geordert. Nun heißt es auf herkömmlichen Wege Karten zu organisieren – zehn Tage vor Anpfiff. Wo ich denn sitzen möchte? Sitzen? Und wieso heute schon Karten besorgen? In meiner Vorstellung quetschten wir uns erst in eine überfüllte Straßenbahn um uns dann in die langen Warteschlangen am Kassenhäuschen einzureihen. Aber sitzen klingt gar nicht schlecht und auf anstehen kann ich auch verzichten.
  2. Marta? Warum haben brasilianische Fußballspielerinnen nur Vornamen und wieso trägt Anja Mittag nicht die 12? Schon auf der Hinfahrt (dekadent im Auto statt der phantastischen Straßenbahn) glänze ich mit Halbwissen. Ich erinnere mich an Nia Künzer („Mensch, die ist doch jetzt nun wirklich nicht mehr dabei“, „Oh…“), lande einen Treffer mit der Dauerkickerin Birgit Prinz („Du, die wird heute den Europarekord brechen“, „Europarekord im…?“) und punkte immerhin, dass ich Saskia Bartusiak kenne - die kleine Schwester einer Kindergartenfreundin und die ich ehrlich gesagt, seit ihrer Einschulung wohl nicht mehr gesehen habe. Doch, wer bitte schön ist Marta? Nur knapp entgehe ich einem Rausschmiss Höhe Kennedyallee. Die Frage, warum die Brasilianerinnen allerdings nur unter ihren Vornamen geführt werden, bleibt offen (meine Phantasien führen mich zu elf Kronzeuginnen, die gegen Drogenkartelle und Favela-Banden aussagen). Als Anja Mittag das erste Tor schießt, wundere ich mich vor allem, warum Trainer so wenig Gespür für Assoziationen haben: Die Frau braucht das Trikot Nummer 12!
  3. Wo bitte ist der kommentierende Reporter? Ich habe ein Sitzkissen untergeschoben bekommen, nippe an einem Bier und beobachte mit einem Auge die landenden Flugzeuge. Das bringt mich aus dem Spielkonzept, verpasse den Anstoß während ich träumend einer SAS-Maschine hinterher sehe und bemerke was mir fehlt: Die mitreißenden Kommentare des Radioreporters. Ich schwelge in Erinnerungen – was waren das damals für Zeiten: Fernsehton aus und Hörfunk an, weil – das wusste ja jeder – Radioreporter viiiiel besser waren. In der Commerzbankarena höre ich nur die Samba-Trommeln der rund 100 brasilianischen Fans und die „Deutschland, Deutschland”-Rufe der restlichen 44.725 Zuschauer. Das Birgit Prinz sich einen Rippenbruch zuzog und ins Krankenhaus musste, erfahre ich erst am Abend aus dem Internet.
  4. Ballzauber gegen Team oder Kopf-durch-die-Wand gegen Fairplay. Ich entstamme noch einer Erziehung eines Haushaltes, in dem man nicht für Deutschland, sondern für „den Besseren“ war. Meine links-ideologische Ausbildung während der Jugend bestätigte die These: Man ist niemals für Deutschland. Das ist im Kopf verankert und als ich ein schmerzgesichtverzogenes „uuuuuuhhh“ rauspresse, als Brasilien eine gute Chance verpatzte, werde ich böse von der Seite angeraunzt. Nach und nach muss ich zugeben, die Gerüchte über Marta kann selbst ich nicht schönreden. Sie ist grandios und grandios gerissen. Foult mit einer Regelmäßigkeit, wie in Brasilien Regenwald abgeholzt wird. Das brasilianische Spiel ist ein Einzelkampf, die Frauen in Ikea-Farben sind gut solange sie nicht miteinander spielen müssen. Ganz anders das deutsche Team, das bei weitem nicht so elegant den Ball beherrscht, dafür aber als Mannschaft wahrgenommen werden kann.
  5. Hooligans sind 1,20-große Wadenbeißer. Meine Mutter warnte mich einst vor den für mich lebensgefährlichen Hooligans in den Fußballstadien, die nichts anderes im Sinn hätten als mir Zähne auszuschlagen und den Kiefer zu brechen. Jede Ambition mich heimlich ins Stadion zu schleichen wurde damit schon im Kern erstickt. Knapp 20 Jahre später schaue ich mich um und sehe überall Cola trinkende, übergewichtige Knirpse, die mir kurz übers Knie reichen. Nicht minder gefährlich – denn sie haben einen Luftangriff organisiert. Hunderte von Papierfliegern segeln nur knapp an meinen Ohren vorbei gen Spielfeld. Nur mit Mühe kann ich eine fettige Bratwürstchenhand abwehren, die sich auf dem Weg zur Toilette an mir festhalten will. Ich seufze und sehne mich fast nach den mit Nieten besetzten, Bier saufenden, gröhlenden und spätpubertierenden „Idioten“.
  6. Spielerfrauen. Das Damentoiletten in Stadien voll sein können, hätte sich wohl 1970 keiner träumen lassen, als der Frauenfußball offiziell wurde und ein Spiel noch 70 Minuten hatte. Die weiblichen Fans 2009 gickeln an den Waschbecken, ziehen vor dem Spiegel ihren Lipgloss mit Erdbeergeschmack nach und bedauern lautstark, dass sie bei dem heutigen Spiel ja gar nicht über die Spielerfrauen herziehen können. „Na, bei manchen bestimmt schon“, kichert es aus einer Kabine.
  7. Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten. Sie kommt langsam auf uns zu – ich muss an die Musikgruppe Juli denken: „Hast Dein Leben lang gewartet“. Ich stehe auf, reiße die Hände etwas gehemmt in die Luft und sitze schon wieder, bevor ich registriere: das war sie meine erste La-Ola-Welle. Selbst der VIP-Bereich macht mit und ich frage mich, ob Petra Roth und Konsorten das als Arbeitszeit ansehen. Doch bevor ich mich näher mit dem Gedanken beschäftigen kann ist das Spiel vorbei. 90 Minuten Kurzweile resümiere ich, während ich mich von den Menschenmassen raus schieben lasse. Das nächste Mal dann aber bitte mit Transistorradio und Reporterkommentaren, ein paar echten Hooligans und mindestens einer roten Karte. Aber auf jeden Fall mit Spielerfrauen – egal ob auf dem Feld oder am Spielfeldrand.
von Fussballgucken.info

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