Gastkommentar von Eike Wenzel: Keine Angst vorm Kraichgau-Kapitalismus

Warum der Fußball auch jetzt wieder ein Trendsetter sein könnte. Ein Kommentar vom Trendforscher Eike Wenzel

„Ja, riiiichtig“ würde Beckenbauer-Double Matze Knopp jetzt wieder sagen und dabei – ganz wie der reale Kaiser – etwas Nachdenklich-Philosophisches in seine Stimme legen. Wir alle wissen, dass das beim realen Franz nur eine Illusion von Tiefsinn ist, eine kleine, aber wirkungsvolle Körpertäuschung, aber wir lieben unsere Lichtgestalt. Riiiichtig, wir leben in veränderungsschwangeren Zeiten, so viel Unsicherheit war noch nie. Eine ganze Wirtschaftsära implodiert vor unseren Augen. Unser postmodernes Weltbild, in dem der Markt es schon regeln wird, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Wall Street liegt in Schutt und Asche.

Und auch im Fußball deuten sich die ersten Katastrophen an. Wer wird als erster Champion in die Knie gehen, Valencia, Newcastle oder vielleicht sogar ManU. Riiiichtig, die Branche ist so nervös wie selten. Theo Zwanziger lässt sich von einem bloggenden Journalisten foppen und demonstriert die ganze Arroganz des deutschen Verbandswesens. Der Journalist heißt Jens Weinreich und ist als leicht übermotivierter Investigativjournalist in Sachen Sportmafia und sportlicher Honoratiorenkriminalität bekannt und gefürchtet. Er hat Zwanziger als „unerträglichen Demagogen“ bezeichnet, als der DFB-Präsident den Kartellamtsbeschluss (keine weiteren Zugeständnisse an Fußball im Pay-TV) aus der arroganten Perspektive des allmächtigen Fußballfunktionärs kritisierte. Die Funktionäre werden unruhig, weil sie in der neuen Fußballwelt, die schüchtern an unsere Tür klopft, vielleicht nicht mehr vorkommen.

Gerade der Fußball mit seinen irrwitzigen Gehältern und seiner ebenso bizarren gesellschaftlichen Wichtigkeit droht wie eine große überreife Seifenblase zu zerplatzen. Riiiichtig, schaun mer mal. Die ganze unübersichtliche Situation hat hierzulande als Antipoden einen cholerischen Polterer, der in jede Kamera grätscht und den Erdrutsch im Profigeschäft zu kaschieren versucht, und eine faszinierende Zukunftsvision. Der Polterer heißt Uli Hoeness und die neue Vision heißt Hoffenheim. Uli Hoeness steht für die Fußballblase seit den späten 1980er Jahren, die ja schon einmal in der Kirchpleite 2002 geplatzt ist. Hoeness, der nach diesem Jahr als Manager abtreten möchte, sieht sein Lebenswerk zerbröseln. Der europäische Vereinsfußball erweist sich plötzlich doch als größenwahnsinnige Seifenoper (was Hoeness nicht zu verhindern vermochte). Und der FC Bayern erscheint ausgerechnet in Hoeness’ Abschiedsjahr als überlebtes Gebilde des Industriezeitalters – so erotisch wie die C-Klasse von Mercedes.

Dass Klinsmann im „Handelsblatt“ die Pleiten im Profifußball vorhersagt, ehrt ihn, interessiert momentan jedoch niemanden. Hoeness ist so stinksauer, weil die Fußballintelligenzler aus Hoffenheim die big story haben. Ihnen gehört die Zukunft, ihnen fliegen die Herzen der Fans zu. Sie haben Hoeness und seiner groß angelegten PR-Aktion, in dessen Zentrum Klinsmann und ein paar ausländische Glamour-Stars standen, die Schau gestohlen. Hoffenheim entlarvt mit Unbekümmertheit und Fleiß, mit System und Eleganz, mit Präzision und Verspieltheit die innere Erstarrung des alten Fußballbusiness.

Hoeness hat stets versucht, Erfolg und Einfluss geschickt zusammenzukaufen – ganz so, wie sich ein kluger Kaufmann nur die besten Sachen in seinen Laden stellt. Der Hoeness-Kapitalismus basierte auf der Macht des ökonomisch Stärkeren – 20. Jahrhundert. Hoffenheim dagegen zeigt, dass man mit viel Geld eine Vision Wirklichkeit werden lassen kann. Ein wertiges Projekt, dass Ästhetik und Verantwortung vereint, als Projekt des 21. Jahrhunderts in die gesellschaftliche Realität verantwortlich hineinwirkt, Jugendlichen über den Sport eine Perspektive gibt und die Menschen samstags um 15:30 Uhr entzückt. Dem Kraichgau-Kapitalismus geht es nicht um die marktbeherrschende Stellung und die Macht des Stärkeren – er könnte das gesamte Spiel verändern (und dadurch die Marktgesetze und die Akteure…).

Ja, riiiichtig, klingt alles etwas abgehoben, aber es zeigt, wie die neue (Fußball-)Welt nach der Finanzkatastrophe aussehen könnte. Hoffenheim ist das Zukunftsticket, Fußball als ästhetisches Hochgeschwindigkeitsspektakel, Spitzenfußball als nachhaltiges Wertekonzept, – darin könnte tatsächlich die Zukunft des Spiels liegen. Ja, riiiichtig!

Zur Person: Dr. Eike Wenzel ist Trendforscher am renommierten Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Mehr lesen »

von Eike Wenzel

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Eine Antwort zu “Gastkommentar von Eike Wenzel: Keine Angst vorm Kraichgau-Kapitalismus”

  1. Andreas Haderlein sagt:

    Wer mehr intellektuellen Tiefgang zum Kraichgau-Kapitalismus vertragen kann, dem sei die SWR 2 Forum Diskussion vom 15.12. ans Herz gelegt (auch als Podcast): http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/rueckschau/-/id=660194/nid=660194/did=4129706/1yc02f9/index.html

    Darin finden sich so herrliche Vergleiche wie der zwischen Würstchen-Verkauf und Software-Herstellung und was dieser Vergleich über die betriebswirtschaftliche Kultur eines Vereins aussagt. Auch diesen Satz habe ich dort aufgeschnappt (stammt von einem Anti-Hoffenheim-Fantransparent): “Das man euch nicht leiden kann, stand wohl nicht im Businessplan.”

    Ach ja, und noch ein Dinosaurier des Fußballgeschäfts kriegt sein Fett ab: Rudi Assauer.

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